Bücherverbrennung in Konstanz am 21. Juni 1933 auf dem Stephansplatz

 

 

 

 

 

Die von der „Deutschen Studentenschaft“ geplante und inszenierte vierwöchige „Aktion wider den undeutschen Geist“ fand in den meisten Ländern des Deutschen Reichs ihren spektakulären „Höhepunkt“ in Bücherverbrennungen um den 10. Mai 1933. Anders jedoch im Land Baden: Hier war erst einen Monat später die Hitlerjugend dazu aufgerufen, Bücher von jüdischen, sozialistischen, pazifistischen und anderen den Nationalsozialisten unliebsamen Autorinnen und Autoren im Rahmen der „kulturellen Kampfwochen gegen Schmutz und Schund“ öffentlich zu verbrennen.

„Kulturelle Kampfwochen gegen Schmutz und Schund“ in Baden

Nachdem die Lesehalle am Konstanzer Rheinsteig bereits Ende März 1933 einer „Säuberung“ von „pazifizistischer und marxistischer Literatur“ unterzogen worden war, rief der badische HJ-Führer Friedhelm Kemper (1906-1990) am 12. Mai 1933 zu „kulturellen Kampfwochen gegen Schmutz und Schund“ im darauffolgenden Monat Juni auf. Bis dahin sollten die HJ-Mitglieder durch die Straßen der Städte ziehen und die Herausgabe der „Schmutz- und Schundliteratur“ fordern. In Nachahmung der Bücherverbrennungen der vom NS-Studentenbund dominierten „Deutschen Studentenschaft“ sollte die Aktion in Bücherverbrennungen in allen badischen Orten gipfeln:
„[…] Die erste Woche soll aufräumen mit der Schmutz- und Schundliteratur, die unser Volk vergiftete. Im ganzen Lande sammeln die Führer der Hitlerjugend eine Woche lang sämtliche Schmutz- und Schundschriften, die wir ihnen durch ein besonderes Verzeichnis bekanntgeben werden. Die gesamte Bevölkerung, alle Bibliotheken werden aufgefordert werden, die jüdischen Schmutz- und Schundschriften abzuliefern. Am Ende dieser ersten Woche wird die Hitlerjugend in jeder badischen Stadt einen großen Demonstrationszug veranstalten, um bei einer Kampfrede gegen die Schmutz- und Schundliteratur den gesammelten Bücherdreck feierlich zu verbrennen. Wir wollen den Geist der Remarque, Emil Ludwig-Kohn usw. auf dem Scheiterhaufen der jungen deutschen Revolution verbrennen. Dazwischen wird eine kurze Pause gelegt und dann kommt die zweite Woche, die Woche der badischen Heimatdichter. […]“.

Dieser „Aufruf des Hitlerjugendführers“ Friedhelm Kemper wurde am 15. Mai 1933 in der Lokalpresse ganz Badens veröffentlicht, so auch in der „Bodensee-Rundschau“, dem „Nationalsozialistischen Kampfblatt für das deutsche Bodensee-Gebiet“, dem Stockacher Tagblatt und weiteren lokalen Nachrichtenblättern.

Die „Schwarze Liste“ des „undeutschen Schriftums“

Am 13. Juni 1933 erfolgte in der „Bodensee-Rundschau“ die Veröffentlichung einer Liste all jener Bücher, die auf den Scheiterhaufen des Landes brennen sollten. Zum „undeutschen“ Schrifttum aus Belletristik, Publizistik und Fachbüchern gehörten Werke bedeutender Schriftsteller und Schriftstellerinnen, Publizisten und Wissenschaftler.

Heinrich Heine gehörte genauso dazu wie Klaus und Thomas Mann, Erich Kästner und Walter Benjamin, Bertold Brecht und Kurt Tucholsky, Arthur Schnitzler, Upton Sinclair, Sigmund Freud und Magnus Hirschfeld, Ernst Toller und Joachim Ringelnatz – um hier nur einige Namen zu nennen.
Die Liste war lang; sie umfasste über hundert Menschen. Dennoch stellte sie lediglich einen Ausschnitt des „undeutschen Schriftums“ dar, das den Flammen übergeben werden sollte. Da zu berücksichtigen sei, „dass die Liste infolge der ungeheuren Menge von Schmutz- und Schundliteratur keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann“.

 „Wenn möglich, Fackel mitbringen“

Der Zeitplan für die „kulturellen Kampfwochen“ wurde nicht in allen Orten Badens genau eingehalten: In Konstanz fand die Bücherverbrennung am 21. Juni 1933 auf dem Stephansplatz statt.

Mit einem in der „Bodensee-Rundschau“ veröffentlichten Aufruf wurde die Hitlerjugend aufgefordert, „zur Verbrennung von Schmutz und Schund auf dem Stephansplatz“ anzutreten: „Wenn möglich, Fackel mitbringen“.

„Große Jugendkundgebung in Konstanz – Pg. Kemper spricht“

Am 29. Juni 1933 trat der HJ-Führer Friedhelm Kemper im Konstanzer Konzil auf. Die „Bodensee-Rundschau“ widmete diesem Ereignis eine halbe Seite:
„Es war dies die erste große Jugendkundgebung der gesamten, jetzt in der Hitlerjugend vereinigten Konstanzer Jugend. […] Von überall her strömten die Hitlerjungen zusammen, um ihren Führer sprechen zu hören. Sie kamen auf Lastwagen von Singen und Radolfzell und auf Fahrrädern von der näheren Umgebung. Der obere Konzilsaal war bis auf den letzten Platz besetzt […].“

Danach wurde Kempers Rede im Wortlaut abgedruckt, von der hier nur einige Ausschnitte aufgeführt werden: 
„Deutsche Jungen und deutsche Mädel!
Es würde nichts helfen, wenn wir in Baden auf einer Linie Front machen gegen all das Niederträchtige in unserer Kultur, wenn wir nicht auf der anderen Seite mit allen uns zur Verfügung stehenden Kräften die Kulturwoche durchführen würden. […] Es genügt aber nicht, dass wir Feuer anzünden, um Schmutz und Schund zu verbrennen, sondern wir müssen das Volk so erziehen, daß seine Verbreitung einfach unmöglich gemacht wird. Wenn wir das erreichen wollen, müssen wir bei unseren Jüngsten anfangen. Dann wird es gelingen, der kommenden Generation den Stempel aufzudrücken, den wir in unserer Erziehungsarbeit verfechten […].“

 

Abbildungen: Bodensee-Rundschau

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